Wie die EZB versucht die richtige Balance als Seiltänzer zu behalten.

Drahtseilakt

- 07.11.2022

Mit einer weiteren historischen Zinserhöhung um 0,75% hat die EZB den Leitzins auf nun 2% angehoben. Hört sich nach jahrelanger Negativzins-Politik fast schon wieder passabel an. Ist es aber nicht: Angesichts von rund 10% Inflation beträgt der Realzins – und nur dieser sagt aus, ob man sich reich oder arm spart – aktuell rund -8%. Um so viel werden Sparer also nach wie vor Jahr für Jahr ärmer, wenn sie ihr sauer Erspartes zu 2% auf dem Zinskonto parken. Und um so viel liegt die EZB hinter der Inflationswelle. Um die entglittene Preissteigerung einzufangen und aufs Inflationsziel von 2% zu drücken, müsste sie die Zinsen nämlich über die Inflationsrate hinaus anheben. Zinssätze von über 10% scheinen aber angesichts der aufgehäuften Staatsschuldenberge im Euro-Raum utopisch. So ähnelt die EZB aktuell einem Seiltänzer, der die Balance verloren hat und in die eine oder andere Richtung abzustürzen droht: Erhöht sie die Zinsen zu wenig, vernichtet die Inflation weiter den Wert unseres Geldes. Erhöht sie die Zinsen hingegen zu stark, belastet sie die angesichts der Energiekrise ohnehin schon angeschlagene Konjunktur. Es droht der Absturz Richtung Rezession samt Millionen Arbeitslosen und Tausenden Firmenpleiten. Bei einem derart riskanten Balanceakt würde sich jeder Seiltänzer eine Balance-Stange als Hilfe wünschen. Doch die haben Notenbank und Regierungen bereits vor Jahren leichtfertig aus der Hand gegeben, als sie sich von den Geboten solider Geldpolitik und Einhaltung der Stabilitätskriterien verabschiedet haben. Wie beim Seiltänzer, der im Übermut seine Balance-Stange wegwirft, war es folglich auch bei der EZB nur eine Frage der Zeit, bis sie ein Balance-Problem bekommen würde. Was bedeutet das nun für Anleger? Mit Zinsanlagen spart man sich so lange arm, wie die Zinsen unterhalb der Inflationsrate liegen. Schutz gegen die Inflation bieten nur Sachanlagen, allen voran Aktien. Für Unternehmen stellt die Inflation nämlich lediglich einen durchlaufenden Posten dar. Zwar erhöhen sich Lohn- und Rohstoffkosten. Gleichzeitig können die Firmen aber auch ihre Absatzpreise dank Inflation anheben. Bei stabiler Marge wirkt die Inflation für die Firmen damit eins zu eins gewinnsteigernd. Sollte sich die Inflation hartnäckig zeigen und über die kommenden 10 Jahre bspw. im Durchschnitt bei 7% liegen, würde sich der Wert unseres Geldes in diesem Zeitraum halbieren. Für Unternehmen würde dies bei ansonsten gleichbleibenden Bedingungen zwar zu einer Verdopplung der Kosten, aber auch zu einer Verdopplung ihrer Absatzpreise und damit zur Verdopplung der Gewinne führen. Ein Absturz der seiltanzenden EZB Richtung Inflation stellt somit für Aktionäre dank eingebautem Inflationsschutz bei ihren Unternehmen langfristig kein Risiko dar. Anders sieht es aus, sollte die EZB zum Kampf gegen die Inflation die Zinsen stark erhöhen und so den Absturz Richtung Rezession riskieren. Das würde den Firmen einen Nachfrage- und Gewinneinbruch bescheren und könnte die bereits deutlich gefallenen Börsenkurse nochmals temporär belasten. Als Langfristinvestor kann man solch kurzfristige Konjunkturschwankungen zwar gelassen aussitzen, allemal wenn ihr Eintritt unsicher ist. Wer bei seinem geplanten Aktieneinstieg hingegen beiden Risiken des aktuellen Drahtseilaktes der EZB Rechnung tragen will, könnte sein geplantes Aktieninvestment aufteilen: Anstatt bspw. 60.000 Euro Einmalanlage liessen sich 12 Monate lang jeweils 5.000 Euro investieren. So wäre sicher gestellt, dass auch im Rezessionsszenario mit kurzzeitig weiter fallenden Börsenkursen ein günstiger Einstieg erfolgt.

 

 

 

 

 

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GoldGeldWelt Gastautor

ist Geschäftsführer der TOP Vermögensverwaltung und des Itzehoer Aktien Clubs (IAC). Sein Spezialgebiet sind internationale Qualitätsaktien. Durch jahrzehntelange Erfahrung als institutioneller und privater Investor hat Jörg Wiechmann eine herausragende Kapitalmarktexpertise aufgebaut, die er in seinem IAC Monatsbericht und auf GoldGeldWelt regelmäßig teilt.

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