Bankenstresstests realitätsfern

Wenn die Bankenaufsicht Urlaub macht

- 07.08.2016

Wie es scheint verleben derzeit nicht nur Max Mustermann und Lieschen Müller ihren wohlverdienten Jahresurlaub. Auch die großen Finanzredaktionen und die Verantwortlichen des aktuellen Europäischen Bankenstresstests scheinen sich aktuell in einem schwerwiegenden „Sommerloch“ zu befinden. Es gäbe rund um die italienische und europäische Bankenkrise weit mehr zu berichten und zu testen, als derzeit zu uns durchdringt. Ich hatte Ihnen den Krimi um die drittgrößte italienische Bank, die Monte dei Paschi di Siena (MPS), bereits vor einigen Wochen vorgestellt, daher hier nur eine kurze Zusammenfassung:

Die schlechte wirtschaftliche Entwicklung in Italien hat zu bedrohlich hohen Beständen an ausfallgefährdeten Krediten in den Bankbilanzen geführt. Da es Banken in unserem (fraktionellen Reserve-) System erlaubt ist, ein Vielfaches ihrer Einlagen als Kredit zu vergeben, ist die geringe Eigenkapitaldecke in schlechten Zeiten naturgemäß schnell aufgezehrt und es droht die Insolvenz. Durch diesen „Konstruktionsfehler“ im Geldsystem und die starke Vernetzung der Banken untereinander, kann der Ausfall einer einzigen Großbank weitere Institute zu Fall bringen und letztendlich zu einer deflationären Kreditklemme wie zu Zeiten der Lehman-Krise führen. Im Grunde würden in einem solchen Fall die ungedeckten Buchgeld-Billionen in den Bankbilanzen nur wieder in das Nichts verschwinden aus dem sie gekommen sind. Leider käme in der Folge jedoch auch der gesamte reale Wirtschaftskreislauf zum Erliegen - mit katastrophalen Folgen für uns alle.

Dank dieser „schlagkräftigen Verhandlungsposition“ konnte die Kreditwirtschaft in existenziellen Krisenzeiten stets auf die staatliche Rettung aus des Steuerzahlers Tasche vertrauen (Bail-out). Doch im Falle der aktuellen Krise stehen die Dinge etwas anders: In einem löblichen, aber realitätsfremden Anflug von Gerechtigkeitsdenken hat die EU in Reaktion auf die letzte Finanzkrise eine Richtlinie erlassen, welche im Krisenfall eine Gläubigerbeteiligung vorschreibt (Bail-in). So logisch und fair der Bail-in auf den ersten Blick scheinen mag, so wenig funktioniert er auf den zweiten: Droht den Gläubigern nämlich die Verlustbeteiligung, so werden sie schnellstmöglich Ihre Gelder abziehen und in Sicherheit bringen, wodurch sie das Problem nur verstärken. Für einen Banksektor in Schieflage gibt es wenig Schlimmeres als eine einsetzende Kapitalflucht.

Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi hatte daher nicht ohne Grund von Anfang an versucht, diese Regelung zu umgehen. Da Brüssel und Berlin jedoch auf die Einhaltung der neuen Richtlinie bestanden haben, blieb der rettende „Löschwasserhahn“ aus Steuergeldern bis zuletzt verschlossen. Und jetzt kommt die erstaunliche Wendung, deren Bedeutsamkeit den meisten Wirtschaftsjournalisten entgangen zu sein scheint, während sie nach günstigen Last-Minute-Angeboten für die Ferienzeit gesucht haben:

Wenige Stunden vor der Bekanntgabe des desaströsen Ergebnisses der MPS beim Bankenstresstest erklärte sich ein Konsortium aus privaten Banken unter Führung von JPMorgan Chase bereit, für die dringend benötigte Kapitalerhöhung in Höhe von 5 Milliarden Euro zu garantieren. Beteiligt an dieser selbstlosen Rettungsaktion haben sich unter anderem altbekannte Investmentbanken wie Goldman Sachs, Bank of America, Citibank, Credit Suisse, Santander und - last but not least - die Deutsche Bank. Wer sich ein wenig mit der Entstehung und den Machtstrukturen unseres Geldsystems auseinander gesetzt hat, wird mit mir darin übereinstimmen, dass es sich hier um die Urväter und Grundsäulen des modernen Finanzsystems handelt.

Wenn sich dieses „Who is who“ der Privatbanken zusammenschließt um für ihren „totkranken Urgroßvater“ (die Monte die Paschi gilt als die älteste Bank der Welt) eine (rein palliative) Notoperation zu bezahlen, muss einiges im Argen liegen. Gutherzigkeit oder Großmütigkeit können jedenfalls bei diesen speziellen Instituten als Motive von vornherein ausgeschlossen werden. Immerhin sprechen wir über die unangefochtenen Rekordhalter bei Strafzahlungen für Manipulationsskandale oder sonstiges offenkundiges Fehlverhalten.

Es erscheint daher plausibel, dass das besagte Bankenkonsortium tatsächlich einen systemgefährdenden Bankrun als Folge eines Bail-in befürchtet hat. Dieser private Bail-out ist jedoch in Art und Umfang nur im kleinen Maßstab anwendbar und könnte mitnichten auf den kurzfristigen Kapitalbedarf des Bankensektors ausgeweitet werden. Es wurde daher lediglich Zeit erkauft, möglicherweise um die Brüsseler und Berliner Bürokraten doch noch vom staatlichen Bail-out - oder gar der direkten Rettung durch die EZB - zu überzeugen.

Zwischenzeitig sollen sich die Bürger und Anleger bitte keine Sorgen machen. Anders ist das offensichtlich zur Beruhigung gedachte, recht positive Ergebnis des Stresstests durch die Europäische Bankenaufsicht nicht zu deuten. So wurden die tiefgreifende Belastungsfaktoren für die europäischen Banken, namentlich Negativzinsen und die unklaren Folgen des Brexit, in keinem Szenario berücksichtigt. Zudem wurden vorsorglich weder griechische noch portugiesische Geldhäuser getestet, in dem Wissen um die zu erwartenden schlechten Ergebnisse. Anscheinend wurde der Zuständige für die Realitätsnähe und Aussagekraft der Testergebnisse schon vor längerer Zeit „beurlaubt“.

Bleiben Sie also trotz des Sommerlochs wachsam – Krisen kennen keine Ferien.

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GoldGeldWelt Gastautor

ist Diplom-Wirtschaftswissenschaftler und ehemaliger Filialleiter eines Edelmetallhändlers in Hamburg. Seine Spezialgebiete sind physische Edelmetallinvestments, sowie Blockchain und Kryptowährungen. In seinen Marktanalysen beleuchtet er das wirtschaftspolitische Big Picture.

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