Cui bono? – Wem nützt es?

Kalter Krieg mit heißen Quellen

- 02.05.2018

In der Finanzberichterstattung hört man des Öfteren den Spruch: „Politische Kurse haben kurze Beine“. Dieses Sprichwort basiert auf der Beobachtung, dass Aktienkursbewegungen in Folge politischer Verlautbarungen und Ereignisse meistens nur von kurzer Dauer sind und die Bewertungen zeitnah wieder zu ihren normalen Niveaus zurückkehren. Diese Erkenntnis ließ sich ohne Zweifel in der Vergangenheit auch oft auf den Goldmarkt übertragen, könnte aber in Anbetracht der aktuellen Entwicklungen hin zu einem neuen „Kalten Krieg mit heißen Quellen“ viel zu pauschal und kurzsichtig gedacht sein.

Schaut man sich die vergangenen Perioden an, in denen sich Kriege ankündigten und dann leider auch stattfanden, so kann man unstrittig festhalten, dass der Preis von Gold auf solche Ereignisse reagiert. Interessanterweise war das Edelmetall als „sicherer Hafen“ vor allem während des rhetorischen und diplomatischen Vorgeplänkels gefragt und korrigierte dann oftmals während des tatsächlichen Konfliktes wieder. Diese Kurse hatten also tatsächlich zumeist nur „kurze Beine“. Eine mögliche Erklärung dafür könnte sein, dass die in der Kriegsvorbereitung am Volk angewandte Propaganda mehr Angst bei der Bevölkerung und den internationalen Anlegern verursacht, als das tatsächliche Ereignis an sich.

Ich befürchte, bei den aktuellen Verwerfungen zwischen den globalen Supermächten könnte das genaue Gegenteil der Fall sein. Getreu dem oben beschriebenen Motto scheinen die Anleger derzeit noch der Hoffnung zu erliegen, dass es schon nicht so schlimm werden wird und ignorieren die stetig zunehmenden Risiken weitestgehend. Dabei steht aktuell bei weitem nicht nur der überfällige Frieden in Syrien auf dem Spiel, sondern das gesamte westliche Finanzsystem.

Wie ich bereits in mehreren Artikeln ausführlich dargelegt habe, widersetzten sich die Regionalmächte des Ostens seit einigen Jahren offen der Dominanz des Petro-Dollars. Ohne dieses Privileg droht den USA eine Staatsschuldenkrise und starke Dollar-Inflation. Die Folge wäre unweigerlich eine massive Entwertung von US-Schuldtiteln, welche nicht weniger als das Fundament des westlichen Finanzkapitalismus bilden. Weder Banken, noch Versicherer oder Pensionskassen könnten diese Abschreibungen aus eigenen Mitteln verkraften. Die Folgen wären unabsehbar aber sicher katastrophal und Sachwerte - allen voran Gold und Silber - die einzig sicheren Häfen.

Schaut man sich die wachsende Drohkulisse an den jeweiligen Fronten an, könnte man denken, dass einige Entscheider sogar einen offenen Krieg zwischen der Nato mit Russland und/oder China für eine gangbare Option erachten. Nachdem Russland und China bereits in den letzten Monaten vorgelegt haben, wird das Kräftemessen dieses Jahr in der größten, jemals von der Nato abgehaltenen Militärübung münden. Die Übung mit dem offensiv anmutenden Namen der Würgeschlange „Anakonda“ wird in Polen mit unvorstellbaren 100.000 Soldaten durchgeführt und könnte von der Gegenseite durchaus auch als Vorbereitung auf einen bevorstehenden Angriffskrieg verstanden werden. Von deeskalierender Diplomatie sind wir jedenfalls meilenweit entfernt. Dank des weiterhin intakten atomaren Gleichgewichts bleibt der Wahnsinn eines Dritten Weltkrieges glücklicherweise weiterhin sehr unwahrscheinlich.

Viel wahrscheinlicher – und bereits in vollem Gange – ist daher eine fortgeführte Eskalation des Finanz- und Handelskrieges zwischen den involvierten Mächten. Angstgetriebene Kurse in diesem Zusammenhang könnten daher schon in naher Zukunft sehr lange Beine bekommen. Wie ernst die Lage wirklich ist und wie entschlossen und rücksichtslos die beteiligten Machtinhaber ihre Strategien verfolgen, zeigt die sich beschleunigende Eskalationsspirale um Sanktionen, Strafzölle und diplomatische Ausweisungen, welche objektiv betrachtet allen Seiten vorerst nur Schaden zufügt. Mit Ausnahme der Rüstungsindustrie versteht sich, welche dank dieser schwelenden Konflikte bestens gefüllte Auftragsbücher und stark steigende Aktienkurse verbuchen kann. Wie bereits in meinem Artikel mit dem Titel „Warum Rüstungsausgaben den Goldpreis stützen“ erläutert, können Goldanleger sich bei all der Dramatik von diesen hoch-inflationären Ausgaben ebenfalls sehr positive Impulse erhoffen.

Ein klares Anzeichen für eine zu erwartende Zuspitzung dieser Entwicklungen zwischen der Nato und den Ostmächten ist die mittlerweile nicht mehr zu verleugnende Propaganda auf beiden Seiten. Unter Propaganda wird „die Verbreitung ideologischer Ideen und Meinungen, um die Bevölkerung in einer bestimmten Weise zu beeinflussen“ verstanden (Wikipedia). Notwendig ist sie vor allem, um die Bereitschaft der Bürger dafür zu erhöhen, große Entbehrungen und Freiheitseinschränkungen zu ertragen und/oder gegen einen Feind in den Krieg zu ziehen. Die kontinuierliche Anwendung solcher Mittel in autoritären Staaten wie Russland oder China dürfte kaum jemanden wundern. Das derzeit in den USA und Europa zum Vorschein tretende Ausmaß an Meinungsmanipulation hingegen wirft sehr unangenehme Fragen bezüglich des Zustandes unserer Demokratien und der so hoch gelobten Neutralität unserer Presse auf.

Ich erspare Ihnen an dieser Stelle die endlos lange Liste an offenen Fragen und strittigen Behauptungen rund um die letzten beiden Vorfälle, welche vom Westen offensichtlich zur Eskalation des Konfliktes instrumentalisiert wurden (das haben andere außerhalb des Mainstream bereits zu Genüge getan) und komme direkt zum Punkt: Sowohl im Fall Skripal, als auch bei dem angeblichen Chemiewaffenangriff in Ost-Ghuta wurden schwerwiegende Sanktionen und riskante Militärschläge (ohne die rechtlich vorgeschriebene Einbeziehung der Parlamente) beschlossen, noch bevor eine objektive Untersuchung der Ereignisse überhaupt stattgefunden haben konnte! Diese vorschnellen radikalen Handlungen sind der eindeutige Beleg dafür, dass es in keinem Fall um den jeweiligen Sachverhalt gehen kann, sondern sicher die Umsetzung einer wenig populären geopolitischen Strategie ist.

Natürlich gäbe es in beiden Fällen eine andere und wahrscheinlich weit bessere Erklärung für diese Vorfälle, als das Putin und Assad sich völlig unnötig selber „ins Knie schießen“: „False Flag“-Attacken. Assad mag vieles sein, aber er ist sicher nicht dumm und liefert den USA mit einem völlig sinnbefreiten Chemiewaffeneinsatz den angekündigten Kriegseintrittsgrund, während er mit seinen konventionellen Waffen einen Sieg nach dem anderen erkämpft. Die von den USA und Saudi Arabien unterstützten und kurz vor einer Niederlage befindlichen Rebellen hingegen, hätten an einem solchen Vorfall ein vitales Interesse!

Aus dieser Perspektive sollte jedes vorschnell eskalierende Wort der handelnden und unterstützenden Politiker gegenüber der Presse als eine Art Propaganda eingestuft werden und jeder Journalist, der diese Verlautbarungen unkritisch verbreitet macht sich absichtlich oder unabsichtlich zum Komplizen dieser öffentlichen Meinungsmanipulation. Selbst der wissenschaftliche Dienst des Bundestages hat in einem Gutachten die Völkerrechtswidrigkeit des Raketenbeschusses Syriens festgestellt und die Unterstützung der Bundesregierung für dieses Vorgehen massiv kritisiert. Diese äußerst wichtige Nachricht erhielt leider nicht ansatzweise die gleiche Präsenz, wie die Vorverurteilungen einiger Politiker nach dem angeblichen Vorfall in Ost-Ghuta.

Trump reagierte übrigens auf den Vorfall indem er folgendes twitterte: „President Putin, Russia and Iran are responsible for backing Animal Assad.“ Ich zitiere dazu aus der sehr sehenswerten Dokumentation „the brain – das menschliche Gehirn“, in der unter anderem die Frage untersucht wird, wie sich Menschen mit Hilfe von Propaganda beeinflussen lassen: „Propaganda funktioniert immer nach dem gleichen Prinzip: Entmenschlichung! Mach Deinen Gegner weniger menschlich. Mach ihn zum Tier.“

Je schädlicher die politischen Entscheidungen für eine Bevölkerung werden, desto wichtiger wird die Meinungsmanipulation. Aber sie funktioniert nur, solange sie Gehör und Glauben findet. Denken Sie bitte daran, wenn das nächste Mal ein humanitärer Aufschrei in der Presse zur diplomatischen oder militärischen Eskalation instrumentalisiert wird. Kein gewählter Politiker sollte so weitreichende Entscheidungen auf der Basis unbewiesener Schuldzuweisungen treffen. Tun sie es dennoch, sollten wir äußerst kritisch die Frage nach den eigentlichen Beweggründen stellen: „Cui bono?“ – Wem nützt es?

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GoldGeldWelt Gastautor

ist Diplom-Wirtschaftswissenschaftler und ehemaliger Filialleiter eines Edelmetallhändlers in Hamburg. Seine Spezialgebiete sind physische Edelmetallinvestments, sowie Blockchain und Kryptowährungen. In seinen Marktanalysen beleuchtet er das wirtschaftspolitische Big Picture.

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