Abverkauf von US-Staatsanleihen

Der Sturz des Dollars

- 02.10.2016

Wir neigen dazu, Dinge, die sich länger nicht verändert haben, als dauerhaft konstant anzusehen. Seit mehreren Generationen kennen wir nur eine Welt, in der die Vereinigten Staaten von Amerika die Führungsrolle inne haben. Mit einem objektiven Blick auf die militärische und wirtschaftliche Dominanz der USA im vergangenen Jahrhundert wird vielerorts sogar von einem Imperium gesprochen, welches mit dem Römischen Reich oder dem British Empire verglichen werden kann. Doch wenn uns die teils tragische Geschichte beider Imperien eines lehrt, dann doch nur, dass Veränderung in Wirklichkeit die einzige Konstante ist, mit der wir verlässlich rechnen dürfen.

Auch das „amerikanische Imperium“ wird eines Tages wieder Macht einbüßen und wir werden womöglich grade Zeuge des Wendepunktes – des Anfangs vom Ende der Überlegenheit sozusagen. Selbst militärisch stoßen die geopolitischen Vorhaben der USA neuerdings auf ungewohnte Gegenwehr. Der Sturz Assads wird seit über fünf Jahren offen gefordert, doch konnte weder innenpolitisch der Einsatz eigener Truppen in Syrien durchgesetzt werden, noch hat die Unterstützung der bewaffneten Opposition vor Ort bis dato zum Erfolg geführt.

Doch es ist nicht nur das beunruhigend bestimmte Eingreifen Russlands und seiner Verbündeten, welches den USA vermehrt Sorgen bereitet. Auch wirtschaftlich müssen sie aufpassen, dass der Ringkampf des chinesischen Drachens mit dem stolzen amerikanischen Weißkopfadler nicht zu Gunsten des Größeren ausgeht.Mit Schaaren billiger Arbeitskräfte und niedrigsten Sozial- und Umweltstandards konnte China die Produktion der gewinnorientierten westlichen Konzerne in den fernen Osten locken und sich so als unverzichtbare „Werkbank der Welt“ etablieren. Rund ein viertel der globalen Industrieproduktion kommt mittlerweile aus der Volksrepublik und mit stattlichen 13,8 Prozent hatte China 2015 einen so hohen Anteil an den weltweiten Exporten, wie die USA zuletzt im Jahr 1968!

Mit entsprechend großem Selbstbewusstsein tritt das Schwergewicht China daher neuerdings auch mit den USA in den Ring, wenn es um internationale Handelsfragen geht und attackiert zunehmend eines der zentralen Machtelemente US-Amerikanischer Vorherrschaft: Den US-Dollar. Das Land der Mitte fordert seit langem offen eine Abkehr von der recht einseitigen Dollar-Dominanz bei der Abwicklung internationaler Transaktionen und setzt sich für ein ausgeglichenes Weltwährungssystem ein, bei dem auch der chinesische Renminbi faire Berücksichtigung findet.

Mit viel diplomatischer „Finesse“ und militärischer Dominanz haben sich die Vereinigten Staaten in den Siebziger Jahren das Privileg erstritten, dass der Rest der Welt Ihre ungedeckte Buch- und Papierwährung im Austausch für Ihre kostbaren Rohstoffe und Fertigwaren akzeptieren muss. Insbesondere der Umstand, dass nahezu alles Öl und Gas in Dollar gehandelt wird hat dazu geführt, dass international große Reserven an US-Dollar und amerikanischen Staatsanleihen gehalten werden (Petrodollar).

Dank dieses einzigartigen Privilegs konnte Amerika seit mehr als 4 Jahrzehnten über seine eigentlichen Verhältnisse und auf vor allem auf Kosten anderer leben. Saudi Arabien verkaufte sein Öl, China seine Konsumgüter und Deutschland seine Autos und Maschinen. Im Gegenzug erhielten sie aus dem Nichts erschaffene US-Dollar und Staatsanleihen.

Seit Mitte der Neunziger haben sich diese Handelsbilanzdefizite massiv auf mittlerweile über eine halbe Billionen US-Dollar im Jahr ausgeweitet und die Staatsverschuldung vervierfachte sich im gleichen Zeitraum auf fast 20 Billionen US-Dollar. Insbesondere die extrem inflationäre Geldpolitik in Reaktion auf die Finanzkrise 2008 hat das Vertrauen der Gläubiger in die Wertstabilität des US-Dollars dauerhaft erschüttert. Hätten nicht alle anderen großen Zentralbanken gleichzeitig eine mindestens ähnlich desaströse „Rettungspolitik“ verfolgt, hätte der Dollar bereits massiv abgewertet. Der starke Anstieg des Gold- und Silberpreises dient daher als deutlich bessere Orientierung, möchte man den entstandenen Wertverlust für Halter von US-Dollar einschätzen.

Es ist also wenig verwunderlich, dass China als größter Besitzer von US-Staatsanleihen dieser sich beschleunigenden Entwicklung misstraut und strategische Gegenmaßnahmen einleitet: Unter anderem hat es in den letzten Jahren mit Russland direkte Handelsabkommen in heimischen Währungen über Rohstofflieferungen, insbesondere Gas, abgeschlossen. Durch die Vereinbarung sogenannter Währungs-Swaps mit den wichtigsten Handelspartnern wird der US-Dollar ebenfalls umgangen. Erst vor wenigen Tagen Verlängerte die EZB ein solches Abkommen mit China in Höhe von 45 Milliarden Euro.

Der mit Sicherheit prestigeträchtigste Schritt ist der Volksrepublik nach jahrelangen Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und gegen den bisher unüberwindbaren Widerstand der USA gelungen. Zum Oktober diesen Jahres wird der Renminbi fester Bestandteil der sogenannten Sonderziehungsrechte (SZR), einer neuen Reservewährung des IWF, welche die wichtigsten nationalen Währungen zu einem Währungskorb zusammenfasst. Ein weiteres und eindeutiges Anzeichen für die unaufhaltsame Machtverschiebung von West nach Ost, die ganz aktuell im Gange ist.

Als erster wirklich gefährlicher „Sargnagel“ für den Dollar könnte sich der beschleunigte Abverkauf von US-Staatsanleihen in Ausländischer Hand entpuppen. China und Russland stehen hier wieder einmal an vorderster Front und haben nicht nur aufgehört ihre Handelsbilanzüberschüsse in US-Bonds zu investieren, sondern sogar damit begonnen, ihre Bestände deutlich zu reduzieren. Der gesunkene Ölpreis beschleunigt diesen Prozess aus zwei Richtungen: Zum Einen benötigt die Welt weniger Dollarreserven im Ölhandel, zum Anderen geraten die großen Exporteure wegen der wegfallenden Einnahmen in Zahlungsschwierigkeiten, so dass sogar der Garant des Petrodollars, Saudi Arabien, zuletzt zu den Nettoverkäufern gehörte.

Die große Veränderung, von der ich anfangs gesprochen habe, ist also bereits in vollem Gange. Stürzt „König Dollar“, fällt sein Königreich vermutlich mit ihm. Die Konsequenzen für das Weltfinanzsystem und insbesondere für die USA sind ungewiss und potentiell hoch gefährlich. Viele Analysten befürchten, dass die US-Regierung in naher Zukunft außer der Federal Reserve keine Abnehmer mehr für Ihre Schuldtitel finden könnte. In der Folge würde der Dollar massiv an Wert verlieren und die Amerikaner als größter Konsument der Welt wegfallen, was wiederum die ganze Weltwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen würde.

Vermutlich ist dies der Grund, warum selbst China einen langsamen Übergang zu einem fairen Weltwährungssystem bevorzugen würde. Auf diese Weise könnte man in der Zwischenzeit noch möglichst viele Dollar gegen reale Werte eintauschen und die systemischen Verwerfungen besser kontrollieren. Ob diese „sanfte Variante“ gelingt, ist jedoch völlig ungewiss, denn am Himmel über der Finanzwelt schweben aktuell so viele potentielle „schwarze Schwäne“, dass nur wenig Licht hindurch dringt.

In diesem Zusammenhang lässt sich auch der Goldrausch deutlich besser erklären, in dem sich das Land des Lächelns seit einigen Jahren befindet. Gold und Silber sind nachweislich der beste Schutz gegen Währungszusammenbrüche oder Inflationen und eines von beidem ist bisher jeder ungedeckten Kreditwährung widerfahren. Einzig das „Wann“ bleibt weiterhin ungewiss, denn: „Totgesagte leben länger“ sagt bekanntlich eine alte Volksweisheit. Möglicherweise, aber sie leben garantiert nicht ewig...

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GoldGeldWelt Gastautor

ist Diplom-Wirtschaftswissenschaftler und ehemaliger Filialleiter eines Edelmetallhändlers in Hamburg. Seine Spezialgebiete sind physische Edelmetallinvestments, sowie Blockchain und Kryptowährungen. In seinen Marktanalysen beleuchtet er das wirtschaftspolitische Big Picture.

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