China wird immer teurer

Die Mutter aller Immobilienblasen

- 11.11.2016

Es sind tumultartige Szenen, die von der Überwachungskamera im Empfangsbereich festgehalten werden: Sobald die Tür einen Spalt breit öffnet, versuchen unzählige Menschen durch den zu schmalen Durchgang hinein zu kommen. Der Wachmann versucht noch, dagegen zu halten und die Menge zu beruhigen, doch der Druck der Massen ist zu groß. Die Türen geben nach und ein nicht enden wollender Menschenstrom dringt auf breiter Front hektisch ein. Ein Türblatt wird sogar aus den Angeln gehoben und begräbt einen Mann unter sich, der sich gerade noch der trampelnden Menge entziehen kann.

Diese Leute sind weder auf der Flucht vor etwas, noch kämpfen sie während einer Hungersnot um einen guten Platz an der Essensausgabe. Alles was dieses, erst 7 Wochen alte, Youtube-Video zeigt, sind Chinesen, die in der 6,8 Millionen Einwohner Metropole Hangzhou eine Immobilie erwerben wollen. Versuchen sie diesen Wahnsinn bitte einmal nachzuempfinden: Sie sammeln fast Ihre gesamten Ersparnisse zusammen und verschulden sich mit dem 30-fachen Ihres Jahreseinkommens, um dann in einem Umfeld zu unterzeichnen, dass eher an einen Schlussverkauf im Marken-Outlet oder einen Freibierstand auf dem Oktoberfest erinnert, als an einen gut vorbereiteten Termin mit Ihrem Immobilienmakler.

Doch es wird noch viel skurriler: In ganz China kaufen die Menschen wissentlich inmitten einer gigantischen Immobilienblase zu völlig absurden Höchstpreisen. Für nur 80 Quadratmeter Wohnfläche in B Lage, eine ganze Stunde Autofahrt außerhalb von Peking, werden umgerechnet über 550.000 Euro erzielt. Und es ist kein Ende in Sicht: 6 der weltweit 8 Städte mit den größten Preissteigerungen bei Wohnimmobilien im ersten Halbjahr 2016 liegen in China. Die Top 3, Shenzhen, Schanghai und Nanjing verzeichneten ungebremste Preissteigerungsraten von teils weit über 30 % im Vergleich zum Vorjahr.

Egal auf welchen Indikator man schaut, wir haben es in China anscheinend mit der „Mutter aller Immobilienblasen“ zu tun. Die Einkommen steigen nicht ansatzweise so schnell wie die Immobilienpreise, was naturgemäß dazu führt, dass die Belastungen und Risiken für die Haushalte aus den gestiegenen Kaufpreisen immer größer werden. Das Verhältnis der Immobilien-Investitionen zum Bruttoinlandsprodukt lag in den letzten Jahren bei über 14 %. Zum Vergleich: Die Blase in Japan platze 1991, als dieses Verhältnis zuvor bei 9% gelegen hatte und für die Subprime-Krise in den USA 2008 reichten schon knapp über 6%.

Es ist der altbekannte Mix aus Gier und Kurzsichtigkeit, der dieses Herdenverhalten bei den Anlegern auslöst und sie wieder und wieder in selbst die offensichtlichsten Ponzi-Schemen treibt. Ca. 2/3 ihres Vermögens halten die Chinesen in Form von „Betongold“ und entsprechend hoch sind ihre Gewinne aus dem Boom der vergangenen Jahrzehnte gewesen. Wer kann es ihnen da verdenken, dass sie nicht von der Seitenlinie dabei zusehen wollen, wie ihre Nachbarn immer reicher werden. So werden Kredite am auswuchernden Schattenbankenmarkt aufgenommen, um die Kapitalanforderungen der Regierung zu umgehen und nicht nur mit der eigenen Wohnimmobilie dabei zu sein, sondern auch mit weiteren, rein spekulativen Objekten. Eine hohe Leerstands-Quote und ganze Geisterstädte sind die sichtbarsten Folgen dieser Fehlentwicklung.

Doch womöglich steckt weit weniger Unvernunft und weit mehr Kalkül dahinter, als auf den ersten Blick ersichtlich ist, denn die Regierung steckt in einem waschechten Dilemma. Peking ist sich der gefährlichen Lage am Markt für Wohneigentum sehr wohl bewusst und versucht bereits seit Jahren immer wieder zaghaft, durch erhöhte Kapitalanforderungen und Restriktionen für Käufer der Überhitzung entgegen zu wirken – mit nur mäßigem Erfolg, wie man sieht. Dabei mangelt es weder an geeigneten Maßnahmen, noch an deren Umsetzbarkeit. Es scheitert einzig am Willen und an der Konsequenz der Verantwortlichen in der verbotenen Stadt, die offensichtlich Angst vor den Konsequenzen haben, sollten sie zu viel Luft auf einmal aus der Blase ablassen.

Betrachtet man die Bedeutung des Immobiliensektors in China, ist diese Angst alles andere als unberechtigt. Es handelt sich immerhin um den wichtigsten Wirtschaftszweig, von dem über 60 weitere Industrien direkt abhängen. Setzt die Regierung der Spekulation ein Ende, platzt die Blase und die gesamte Wirtschaft wird in Mitleidenschaft gezogen. Dabei steht das Chinesische Wachstum aufgrund der spürbaren Abkühlung in der Weltwirtschaft auch ohne diese potentiell desaströse Krise bereits auf sehr wackeligen Beinen.

Mit nur 6,5% Zuwachs im BIP wurde für 2016 bereits das niedrigste Wachstum seit einem viertel Jahrhundert angepeilt und schon dieses Ziel ist nur dank einer ultra lockeren Geldpolitik und auf Kosten eines - milde ausgedrückt – sehr bedenklichen Schuldenwachstums erreichbar. Um unvorstellbare 4,5 Billionen Dollar ist die Verschuldung in China allein in den letzten 12 Monaten angewachsen, was mehr ist als in den USA, Japan und Europa zusammen! Vielleicht verstehen sie jetzt, warum die Märkte Anfang des Jahres so nervös auf die schlechten Daten aus China reagiert haben. Doch zu der Ansteckungsgefahr aus China für die Weltwirtschaft, die uns mit Sicherheit in nicht allzu ferner Zukunft auch wieder medial beschäftigen wird, möchte ich Ihnen in einem späteren Marktbericht noch ein genaueres Bild zeichnen.

Jedenfalls wandert über die Hälfte dieser immensen Kreditschöpfung direkt in den Immobilienmarkt. Man muss also kein Mathematikstudent sein, um zu verstehen, dass auch das Überleben der gesamten chinesischen Finanzwirtschaft vom Fortbestand dieser Blase abhängt. Die Regierung ist also auf Gedeih und Verderb dazu gezwungen, wie bisher weiter zu machen und mit halbherzigen Gegenmaßnahmen eher eine Art „Spekulations-Management“ zu betreiben als die Blase ernsthaft zu bekämpfen.

Die wild gewordenen Käufer aus Hangzhou setzen also gar nicht unbedingt auf das falsche Pferd, wenn sie davon ausgehen, dass es immer so weiter gehen könnte. Wer jetzt behauptet, dass jede Blase irgendwann platzen muss, denkt möglichweise noch zu sehr in den gelernten Regeln einer freien Marktwirtschaft. China hat jedoch insbesondere bei den überlebenswichtigen Wirtschaftsbereichen eher eine zentralistische Planwirtschaft mit pseudo-kapitalistischen Grundzügen.

Link zum Artikel: Dirk Müller warnt vor gewaltiger Immobilienblase in China.

Dank der Magie unbegrenzter Geldschöpfung kann der übermächtige Zentralstaat theoretisch ewig so weiter machen. Der hohe Preis für diese Art der Problemlösung mit der Notenpresse wird (wie immer und überall auf der Welt bisher) die Kaufkraft der heimischen Währung, des Renminbi, sein. Aber auch das wissen die Chinesen natürlich selber und setzten daher seit vielen Jahren unbeirrt auf eine gleichzeitige Absicherung in der einzigen Währung, der dieses Schicksal noch nie widerfahren ist und aufgrund ihrer natürlichen Knappheit auch nie widerfahren kann: Gold und Silber.

Weitere relevante Beiträge zu diesen Themen finden Sie unter  ImmobilienblaseImmobilienmarktChinaBIP  und  Blase .

GoldGeldWelt Gastautor

ist Diplom-Wirtschaftswissenschaftler und ehemaliger Filialleiter eines Edelmetallhändlers in Hamburg. Seine Spezialgebiete sind physische Edelmetallinvestments, sowie Blockchain und Kryptowährungen. In seinen Marktanalysen beleuchtet er das wirtschaftspolitische Big Picture.

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