Energiekrise schlimmer als in den 1970er Jahren?

Goldman Sachs: Europäische Energiekosten steigen um 2 Billionen USD

GoldGeldWelt Redaktion - 12.09.2022

Die europäische Energierechnung könnte bis zum nächsten Jahr um 2 Billionen USD steigen. Die Energiekrise ist deshalb weitaus schlimmer als der Ölpreisschock in den 1970er Jahren. Damit nicht genug: Im Energiehandel wird durch drastisch steigenden Marginanforderungen nun die Liquidität knapp.

Die US-Investmentbank Goldman Sachs rechnet damit, dass die Energierechnungen europäischer Haushalte und Unternehmen im kommenden Jahr um 2 Billionen EUR ansteigen. Den Analysen zufolge sind deshalb staatliche Maßnahmen notwendig. Auf dem prognostizierten Höhepunkt soll die gesamtwirtschaftliche Energierechnung demnach rund 15 % des europäischen Bruttoinlandsprodukts erreichen.

Markt unterschätzt Krise in Breite und Tiefe

Die Analysten unter der Leitung von Alberto Gandolfi und Mafalda Pombeiro glauben nicht, dass das Ausmaß der Energieprobleme durch Märkte und Politik bislang vollständig verstanden wurde. In einem Beitrag notierten die Verfasser, der Markt unterschätze die Tiefe, die Breite und die strukturellen Auswirkungen der Krise. Den Analysten zufolge werden die Auswirkungen größer sein als bei der Ölkrise der 1970er Jahre.

Staat und Regulierung könnten jedoch teilweise gegensteuern. Maßnahmen wie Preisobergrenzen und Zolldefizite könnten etwa den Rückgang der Industrieproduktion abmildern. Die EU-Energieminister trafen sich am Freitag, um Reaktionen auf die explodierenden Energiepreise zu diskutieren. Im Gespräch waren etwa Preisobergrenzen für Erdgas, eine Aussetzung des Handels mit Stromderivaten und Steuern auf sogenannte Übergewinne.

Goldman Sachs geht davon aus, dass Preisdeckel bei der Stromerzeugung insgesamt 650 Milliarden EUR einsparen könnten. Eine vollständige Lösung böten Preisobergrenzen allerdings nicht. Laut Goldman Sachs wird es notwendig sein, die Preissteigerungen der näheren Zukunft über einen Zeitraum von 10-20 Jahren zu verteilen. Dafür sollen Versorgungsunternehmen Ansprüche auf zukünftige Zahlungen erhalten, die in der Gegenwart verbrieft und so zur Entlastung der Bilanz verwendet werden können.

Energiehandel: Margin Calls über 1,5 Billionen USD

Die Probleme auf dem Energiemarkt gehen dabei über hohe Belastungen für Verbraucher und Unternehmen hinaus. Im Energiehandel sehen sich Marktteilnehmer mit drastisch steigenden Marginanforderungen konfrontiert. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg unter anderem unter Berufung auf das norwegische Unternehmen Equinor ASA (WKN: 675213, ISIN: NO0010096985) berichtet, sehen sich Marktteilnehmer Nachschussforderungen im Umfang von mindestens 1,5 Billionen USD gegenüber.

Das Problem: Ein Großteil des Energiehandels findet am Terminmarkt statt. Hier müssen Marktteilnehmer Sicherheitsleistungen hinterlegen. Die Höhe der Sicherheitsleistungen steigt sowohl mit dem Preis als auch mit der Marktvolatilität. Für die Sicherheitsleistungen benötigen Marktteilnehmer Liquidität – die nun aufgrund der Größenordnungen der sogenannten Margin Calls mehr als knapp ist.

Die Unternehmen sichern sich deshalb Kreditlinien im Milliardenbereich – die in einem Umfeld steigender Zinsen immer höhere Kosten verursachen. Durch die steigenden Marginanforderungen wird sehr viel Kapital gebunden und die Liquidität im Markt dadurch eingeschränkt.

Europäische Regierungen haben durchaus Maßnahmen getroffen, um Liquiditätsengpässe zu vermeiden. So gewährte etwa der österreichische Staat den Wiener Stadtwerken ein Darlehen über 2 Milliarden EUR zur Absicherung der Handelspositionen am Markt. Finnland und Schweden haben vor wenigen Tagen eine 33 Milliarden USD schwere Fazilität eingerichtet. Auch in Deutschland gibt es Liquiditätshilfen. Solche werden auch auf Ebene der EU-Kommission geprüft. Möglicherweise könnte die Europäische Zentralbank (EZB) Geschäftsbanken spezielle Kreditlinien bereitstellen.

Equinor: Preisdeckel für Strom, aber nicht für Gas

Die Probleme betreffen allerdings nicht alle Marktteilnehmer gleich. Handelshäuser mit starken Liquiditätspuffern können von der Preisvolatilität profitieren und mehr Geschäfte abschließen, weil weniger liquiditätsstarke Konkurrenten aus dem Markt gedrängt werden.

Helge Haugane, Senior Vice President für Gas und Energie bei Equinor, sieht in einem Preisdeckel für Strom  ein mögliches Instrument. Die Strommärkte seien lokaler Natur und ließen sich deshalb durch Regierungen kontrollieren. Eine Gaspreisobergrenze lehnte er jedoch ab. Der Erdgasmarkt sei global und lasse sich nicht ohne weiteres durch die Politik kontrollieren. So müsse Europa etwa höhere Preise als asiatische Abnehmer bieten, um LNG zu erhalten.

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